Claude Lanzmanns „Shoah“ ist als Archiv ebenso unhintergehbar wie zwingend zur Verdeutlichung der grundlegenden Unmöglichkeit, „Auschwitz“ zu verstehen. Weder eine historische Einordnung, noch eine Psychologisierung, noch eine Historisierung des Geschehens führt zu etwas anderem als zur Selbstvergewisserung der Unbeteiligten über ihre Nichtbeteiligung („Gnade der späten Geburt“, „Davon haben wir nichts gewusst“ und ähnliche Strategien.) Die Singularität dieser Verbrechen anzuerkennen ist Voraussetzung für die Möglichkeit, sie als von Menschen verübt zu begreifen, nicht aber um sie etwa zu verstehen. Verstehen ist dort an seine Grenzen gekommen, wo die Sprache am Geschauten versagt und dem Gedächtnis ihren Dienst versagt.
Keine Historisierung kann das leisten, was Lanzmanns Film gelingt: die Mechanismen der Verdrängung, der Erinnerung durch Sprache und das gegenseitige Auslöschen beider im Augenblick des Zusammenbruchs schonungslos offen zu legen. Immer dann, wenn die Sprache nicht dazu reicht, das Geschehene zu vergegenwärtigen, bricht auch das Gedächtnis. Die Vergangenheit ist dann rettungslos verloren und mit ihr der Mensch, der nur durch und für sie existiert. Ziel des Films scheint es zu sein, Bilder dort zu finden, wo kein Sprechen, keine Erinnerung mehr stattfindet.
Filip Müller, der Überlebende aller Sonderkommandos von Birkenau, spricht eine Sprache der Ver-dichtung, wie sie für die Oral History typisch ist. Das Erinnerte überhaupt erinnern zu können, bedient sich der Erinnernde eines Kunstgriffs, nämlich der epischen Erzählung. Die Sätze, die Müller verwendet, sind durch seine schriftlichen Aufzeichnungen präfiguriert. Der betont langsame und deutliche Vortrag sichert die Konsistenz der Rede. Erst in dem Moment, in dem er die Urszene seiner Erinnerungsarbeit beschreibt, bricht der langsame Fluss der Erzählung ab: Müller beschreibt, wie er, als er den Wahnsinn der Arbeit der Täuschung, Ordnung und später Verbrennung der Opfer nicht mehr ertragen zu können glaubt und mit den anderen in die Kammer gehen will, von einer Frau angesprochen wird, die aus seinem Dorf stammt. Sie drängt ihn, zurückzugehen und Zeugnis abzulegen von dem, was er gesehen hat. Wenn auch er stürbe, wäre niemand mehr da, der bezeugen könnte, was geschehen ist. Der Widerstreit der vergegenwärtigten Erinnerung und des besseren Wissens des späteren Müller, der weiß, dass seine Erzählung dem Geschehenen nicht gerecht wird, lässt ihn die Fassung verlieren.
Noch deutlicher ist das bei Abraham Bomba, der in Treblinka als „Friseur“ bei den Gaskammern gearbeitet hatte (und der auch außerhalb des Lagers Friseur war). Lanzmann inszeniert für ihn ein Interview in einem eigens angemieteten Salon, weil er weiß, dass er nur so überhaupt an die Erinnerung anknüpfen kann. Abe spricht in einem deklamierenden Ton, in kurzen, präzisen Sätzen und gelangt schließlich an den Punkt, an dem er von Bekannten aus seinem Dorf berichtet, die ihm im „Schlauch“ vor den Gaskammern von Treblinka wieder begegnen. Sie fragen ihn, was mit ihnen geschehen würde und Abe bleibt nichts, als auch sie über ihr Schicksal zu belügen, wie alle anderen vor ihnen. In dem Moment, in dem er dies erzählen will, verschlägt es ihm die Sprache. Nach einigen Minuten (in denen er stoisch seinem Kunden weiter die Haare schneidet) gelingen ihm einige Worte. Seine Stimme ist gedämpft. Er flüstert, bittet darum, nicht weiter sprechen zu müssen. Lanzmann ist unerbittlich und erinnert Abe an seine Verpflichtung, als Augenzeuge von seinen Erlebnissen zu berichten. Abe sagt „I told you that this would be very hard“, spricht aber schließlich weiter. Der Punkt aber, an dem das eigene Leid am Größten ist, ist eben so wenig zur Sprache gekommen, wie es die Erlebnisse der Toten sind.
Wie soll man darüber schreiben? Lanzmann hat mit Recht einen Film über diese Lücke gemacht, die auch Primo Levi völlig klar gesehen hat. Auch er ist sich im Klaren darüber, dass er kein „echter“ Zeuge sein kann dessen, was geschehen ist, da er ja überlebt hat. Sein Überleben, so schreibt er sinngemäß, spottet seiner Erzählung vom Leiden und Sterben der Opfer Hohn.