Ohne Jonathan Littells Buch (Die Wohlgesinnten) schon gelesen zu haben, glaube ich, dass er durch den Versuch, alles zu beschreiben, was in den Jahren von 1933 bis 1945 unter Herrschaft der Nazis geschehen ist, diese grundsätzliche Lücke, in der es keine Sprache, und auch keine Erinnerung geben kann, zuzudecken versucht. Damit verkennt er nicht nur den Kern der Frage, „was von Auschwitz übrig bleibt“, sondern er verhöhnt die Opfer auf zweifache Weise: indem er „über“ Dinge redet, von denen weder er als Nicht-Zeuge noch die Zeugen selbst reden können, und, indem er über diese Dinge aus der einzigen Perspektive redet, die eine Darstellung der Gräuel des SS-Staates ermöglicht: die der Täter. Aus der Perspektive der Täter aber ordnet sich die Vernichtung der europäischen Juden in die Geschichte ein, als ein Mord unter Morden, „verständlich“ aus historiographisch herleitbaren Motiven und damit relativ. Dagegen ist es aus meiner Sicht die Unerklärlichkeit, die Unaussprechlichkeit dessen, was geschehen ist, das, was von Auschwitz übrig bleibt, das, was uns Nachgeborenen lehren kann, dass ein solches Verbrechen nicht zu verstehen, sondern zu fürchten ist.
Es ist klar, dass es aus meiner Perspektive, der des 1971 geborenen Deutschen, nur eine sehr eingeschränkte Perspektive auf das Geschehen geben kann, wenn ich nicht die wissenschaftliche Analyse vorziehen wollte. Diese nicht als Meta-Analyse zu betreiben, würde bedeuten, sich auf der Suche nach immer neuen Details der Vorgänge zwischen 1933-1945 zu verlieren. Mir geht es um die Aktualisierung dessen, was bleibt, wenn die letzten lebendigen Zeugen endgültig verschwunden sind, also gestorben sind.
Ein Versuch der persönlichen Integration wäre die Recherche der Lebensgeschichte meines Großvaters mütterlicherseits, der im Unterschied zu meinem anderen Großvater, Jahrgang 1906, in der Wehrmacht gedient hat und über den es beim Suchdienst in Arolsen theoretisch eine Akte geben muss. Daraus aber eine „direktere“ Zeugenschaft zu generieren, wird ebenso wenig funktionieren. Auch dies bliebe reine Literaturforschung.