Das Columbia-Desaster und der Traum vom Verlassen des „Raumschiffs Erde“
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius: Abendlied)
Seit ich mich mit dem Columbia-Unglück vom 1. Februar 2003 auseinandersetze, entwickele ich Bilder (zunächst im wahrsten Sinne des Wortes „image“, ich imaginiere), die sich aus schwachen Erinnerungsfetzen aus jenen Tagen genau so zusammensetzen wie aus dem Material, das ich bisher aus dem Internet und aus Büchern zusammengetragen habe. Ich träume oft von diesem Unglück, und auch tagsüber, sogar bei meiner täglichen Arbeit kreisen fast all meine Gedanken um das, was ich zunächst wenig glücklich den Columbia-Komplex nannte.
Mein Interesse an diesem Unglück hat sich allerdings nicht zufällig entwickelt. Vielmehr fiel seine Entstehung in die Zeit, in der ich mich intensiver mit den Themenkomplexen zu beschäftigen begann, die man heute unter dem Begriff der Biopolitik zusammenfasst, oder, wie Foucault das Feld in seinen Vorlesungen absteckt: der Biomacht.
Dabei hat mich interessiert, welche – nennen wir sie ruhig Foucault folgend – Dispositive, die in den totalitären, aber nicht nur den totalitären, Gesellschaften des 20. Jahrhunderts wirksam waren und die von Giorgio Agamben für mich treffend mit dem juristischen Konzept des Ausnahmezustands beschrieben worden sind, in heutigen Konzepten von dem, was der „Mensch“, was „Leben“ und was „Zusammenleben“ (die „Gesellschaft“) ist (wobei mir bewusst ist, das dies nicht unbedingt Fragen sind, die immer auch am Horizont derjenigen sich bewegen, die an diesen Dingen engagiert sind), noch immer wirksam sind und eine Fort- oder Weiterentwicklung erfahren.
Wenn das, was Biopolitik bedeutet, nämlich die direkte Ausübung der Macht nicht mehr auf und über das Territorium, die Stände oder das Land, im „Plenum“ oder bei „Hofe“, sondern direkt auf den nackten Leib der Menschen als Teil der „Bevölkerung“ (womit Foucault auch den Prozess der Regeneration der Population meint) „Nation“ oder des „Volks“ (Kategorien, denen in der Perspektive der Biomacht selbst ein Übermaß an Vitalität zugeschrieben werden) wirksam etwa in dem Sinne ist, in dem es die poststrukturalistische Theorie beschrieben hat: Welche Handlungsmuster, welche Überzeugungen, Ideologien, zeigen hier Wirkung oder wirken im Zusammenhang jenes Machtdispositivs?
Mir drängte sich das Teamfoto der Crew der Columbia auf, das die Mitglieder in ihren orangefarbenen Druckanzügen zeigt, den Helm unter den Arm: Die Anzüge fungierten, so schien mir, als Interface zwischen der Kontrollinstanz, die letztlich der biopolitisch organisierte Staat USA ist, und den Körpern seiner Repräsentanten im Weltall. So technoid und undurchdringlich für den ungeschulten Beobachter dieses Interface erscheint, so klar war mir sofort die enorme Bedeutung dieses Bildes für das Funktionieren des in, mit ihm und durch ihn determinierten Machtzusammenhangs. Letzterer basiert auf der Erzeugung des Wunsches bei einem jeden Bürger, zu einem Insassen einer Raumkapsel zu werden, also angeschlossen zu werden an den berühmten „militärisch-industriellen Komplex“, als dessen Teil man das Privileg des totalen Eingebundenseins in die Maschinerie des biopolitischen, liberalistischen Staates genießen kann. Ein nützlicher Teil der Gesellschaft sein, also „frei“ zu sein, das heißt hier: An der Spitze einer Rakete zu sitzen und darauf zu warten, dass man zum Mond geschossen wird.
Und auf der anderen Seite: ist diese Biopolitik mit ihrer phallischen Spitze denkbar ohne eine ihr eigene Eschatologie? Kann es sein, dass Macht, die direkt das Leben betrifft und damit den Tod verdrängt (und dadurch auch massenhaft ermöglicht, bzw. den Massenmord befördert) ohne ein in ferner Zukunft oder jenseits der Zeitachse gedachtes Finale auskommt?
Ich glaube nicht. Wie Boris Groys unter Zuhilfenahme Foucaults schön gezeigt hat, konnte beispielsweise das Massensterben während des Stalinismus – als direkter Effekt der totalen Verfügungsgewalt des Machtapparats über das nackte Leben seiner Untertanen – nur als sinnvoll aus der Perspektive einer höheren Zielen verpflichteten Ideologie erscheinen. Diese Ideologie, so zeigt sich etwa an den Texten der frühen russischen Utopisten, ist die einer klassischen Erlösungsvorstellung, wie sie auch im Kommunismus wirksam, aber zunächst viel stärker religiösen Motiven entlehnt war. Gleichwohl bediente sie sich einer strengen Wissenschaftsmetaphorik, die sich in die modernistischen Zukunftsvorstellungen jener Zeit bestens einfügte, ja diese – zumindest in Russland – sogar entscheidend beeinflusste.
Einer der faszinierendsten Denker solcher Erlösungsvorstellun-gen war der Erfinder, Ingenieur und Philosoph Konstantin Ciolkovskij, der jedem, der sich mit Raumfahrt beschäftigt, bekannt sein dürfte. Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb er die Raketengleichung nieder, die – unabhängig von ihm auch von anderen Wissenschaftlern entdeckt – die Grundlage für die Möglichkeit ist, Flugobjekte aus dem Einflussbereich der Erdanziehung herauszubringen. Interessanterweise war Ciolkovskij aber neben seiner Tätigkeit als Erfinder ein sehr aktiver philosophischer Autor, der wiederum stark vom berühmten Denker der eschatologischen Theorie der „Auferweckung der Väter“, Nikolaij Fjodorovic Fedorov, beeinflusst war. Ebenso wie Fedorov verstand Ciolkovskij die Sterblichkeit des Menschen als Skandal, dessen Behebung alle Anstrengungen der lebendigen Menschen gewidmet sein müssten. Dieser Gedanke und das zu Ende denken seiner Konsequenz, nämlich dass der Mensch nicht nur unsterblich werden müsse, sondern auch moralisch dazu verpflichtet sei, seine Vorfahren (was in der orthodox geprägten Logik jener Denker natürlich nur die männlichen Ahnen meint) aufzuerwecken, ist die ideologische Folie, auf der sich Ciolkovskijs Forschungen entwickelten. Eigentlich diente seine wissenschaftliche Forschung ausschließlich den in seinen, heute manchem vielleicht esoterisch anmutenden Texten formulierten Zielen.
Ohne diese auf den ersten Blick uns Bewohnern des 21. Jahrhunderts höchst suspekt vorkommenden Anfänge der Raumfahrt näher beleuchten zu wollen, meine ich aber feststellen zu können, dass diese Vorstellung von der Wissenschaft als Propädeutik zu einer Technologie der Auferweckung der Toten, wie sie ja schon im Alten Testament (s.o.) beschrieben ist (zurückgebunden an das „Fiat Lux“ der Genesis), seine kapitalistische Entsprechung in den Denkmustern hat, die den amerikanischen Staat nach Mitteln und Wegen suchen ließ und lässt, das „Raumschiff Erde“ (Fuller) zu verlassen: Die Erde wird entweder zu klein für den Fortschrittsdrang des Menschen, oder aber der Mensch muss seinen Heimatplaneten verlassen können, um sich vor einer kosmischen Katastrophe zu schützen, etwa dem Aufprall eines Meteoren, vor allem aber, um den Gesetzen der Thermodynamik ein Schnippchen zu schlagen, indem er rechtzeitig einen anderen „Klasse M“ (so die Bezeichnung für Planeten mit einer Leben ermöglichenden Biosphäre in der Science Fiction-Serie „Star Trek“) Planeten besiedelt, bevor die Erde in die sich in Todeszuckungen aufblähende Sonne stürzt (Entropie).
So wären die Anstrengungen der NASA und der russischen Raumfahrtbehörde als eine große Allegorie auf die Unfähigkeit des Menschen zu lesen, seine Endlichkeit und darüber hinaus die Endlichkeit all seiner Vorfahren und Nachkommen, ja all dessen, was uns erfahrbar ist, oder schlichter: die Hauptsätze der Thermodynamik zu akzeptieren.
Natürlich scheitert der Mensch stets an dieser Unfähigkeit, so wussten es schon die antiken Tragiker. Und so verwundert es nicht, dass eine der größten Tragödien des Zeitalters der Raumfahrt (ein heute merkwürdig atavistisch klingender Begriff, da wir das Computerzeitalter eingeläutet haben), die Geschichte einer grandiosen Verkettung von Unfähigkeiten, der Hybris eines müden aber allmächtigen Verwaltungsapparates, wissenschaftlich untermauerter Unvernunft und eines grenzenlos naiven Vertrauens in die Unfehlbarkeit des „wohl komplexesten Apparats, den die Menschheit je gebaut hat“ (Kommandant Richard Husband, der übrigens ein praktizierender Evangelikaler war und den Flug mit der Columbia immer wieder in die Nähe spiritueller Grenzerfahrungen rückte) ist.
Es scheint mir, als hätten sich die Bilder dieser Katastrophe, die im Jahr 2003 wohl fast jeder Mensch, der an das Fernsehnetz angeschlossen war, auf Videoaufzeichnungen gesehen hat, merkwürdig vermengt mit Bildmaterial aus Science-Fiction-Filmen. In diesen sind ja die (angesichts des im All herrschenden Vakuums vollkommen absurden) Feuerbälle, in die sich von gewaltigen Strahlenwaffen getroffene Raumschiffe stets verwandeln, ja wesentliche, die Handlung vorantreibende Elemente. Gleichzeitig erscheint mir das, was ich in meinem Gehirn als die Vorstellung von der Art und Weise, wie die Astronauten der letzten Columbia-Mission STS-107 ums Leben gekommen sind, auf ganz buchstäbliche Weise als das Gegenteil der biblischen Vorstellung von der Auferweckung des Volkes Israel: In letzterer werden die Gebeine vom Windhauch angeweht, das „Fleisch“ lagert sich an ihnen wieder an und stehen auf, in ersterer scheint mir ein Windhauch die Integrität der Columbia und mit ihr die Existenz ihrer Insassen ausgeblasen zu haben. Vielleicht steht das, was man in Ezechiel 37 lesen kann und in der Ostergeschichte vervollkommnet wird, am Anfang einer Geschichte, die mit dem Pulverisieren der Columbia und ihrer Crew bei Mach 18, etwa 70 Kilometer über der texanischen Sierra, endet.
Natürlich ketten sich an Katastrophen dieser Tragweite schnell Verschwörungstheorien. Und ich will nicht leugnen, dass mich manche dieser Theorien massiv interessieren. Aber mich interessieren auch sie nur in sofern, als sie Teil dieses gigantischen Symbols des Untergangs des Modernismus sind. Wenn etwa Autoren die These vertreten, eine vom Erfinder des Wechselstroms, Nicola Tesla, in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte geheime Strahlenwaffewaffe, die von einer Art geheimbündlerischer Organisation realisiert worden sei, sei Ursache für den Absturz gewesen.
So abwegig diese Theorie erscheint, knüpft sie sich doch an das Motiv der Selbstverstrickung des Modernismus in seine tief in ihn eingeschriebenen Widersprüche. Und diese Widersprüche werden vielleicht nirgendwo so deutlich wie in dem Abschlussbericht der Kommission, die die sechs Monate dauernden Untersuchungen zur Ursache des Absturzes der Columbia geleitet hat. In dem die Untersuchungsergebnisse zusammenfassenden Text ist schließlich nicht mehr die bemannte Raumfahrt das „große Unternehmen“, sondern das Puzzle-spiel mit mehreren zigtausend Einzelteilen, das „künftige Untersuchungen von Unfällen positiv beeinflussen soll.“ Klarer kann die Ambivalenz, die im Glauben des Menschen an den Fortschritt steckt, dem es lohnt unzählige Opfer zu bringen, nicht zum Ausdruck gebracht werden. Die Toten, die es anlässlich solcher offenbar einkalkulierter Unfälle in Zukunft zu beklagen gilt, stehen auch schon bereit, ihre Namen und Biographien sind auf den Teamlisten der NASA bereits nachzulesen. Und vielleicht keimt auch in diesen tapferen Männern und Frauen die Hoffnung, eines Tages könnte ein Mondkrater, ein Gletscher auf dem Mars oder ein Komet ihren Namen tragen.