Jonah Goldt

Botschaften ohne Belang

Medizin: Wahrsager im Labor

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Der Spiegel veröffentlichte kürzlich einen Beitrag über die wachsende Skepsis gegenüber den “Erfolgen” der Genforschung im Angesicht der zunehmenden Inkonsistenz statistischer Daten: Je genauer man Forschungsergebnisse betrachte, als um so unwahrscheinlicher erscheine der Zusammenhang zwischen genetischer Disposition und Krankheitsbild.

Über das Problem der Zugehörigkeit der Genetik zur Textwissenschaft, insbesondere über die Entwicklung der Genetik aus der Kryptographie, hat vor einigen Jahren die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay eine skeptische kulturwissenschaftliche Analyse verfasst. Wesentliches Verdienst dieses Buches ist es, die Modellhaftigkeit des wissenschaftlichen Programms der Genforschung herauszuarbeiten und seinen explizit textuellen Charakter (GATACCA) zu betonen. Was am Anfang der Genwissenschaft im RNA-Krawattenclub noch der Etablierung eines (wenngleich holistischen) epistemolgischen Apparats zur Erklärung grundlegender biologischer Prozesse diente, ist heute im Labor zur “harten” Ursachenforschung geworden, die keine Rücksicht mehr auf wissenschaftskritische Positionen zu nehmen braucht. Einmal durch die (Bio-)Politik zur Staatsideologie erhoben, hat sich die Genetik zur Leitwissenschaft entwickelt, deren Infragestellung lange Zeit sakrosant war und die zur Erklärung von humanwissenschaftlichen Phänomenen aller Art zu dienen hatte. Dies steht in merkwürdigem Widerspruch zur nachhaltigen Erfolglosigkeit genmedizinischer Forschung.

Dass mittlerweile manchen Genetikern selbst aufgeht, dass die fortschreitende Zergliederung der menschlichen Biomasse zur fortschreitenden Vergrößerung biologischer und medizinischer Probleme führt, ist doch immerhin ein Erfolg der mit Milliarden subventionierten Forschung.

Written by jonahgoldt

30. Mai 2009 um 6:44

Wahlcomputer – Büchsen der Pandora

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Das Bundesverfassungsgericht hat Anfang des Monats entschieden, dass die bei der Bundestagswahl 2005 testweise eingesetzten Wahlcomputer nicht mit dem Verfassungsgrundsatz der Öffentlichkeit der Wahl vereinbar seien. Diese Modelle dürfen also gemäß dem Entscheid des 2. Senats bei kommenden Wahlen nicht eingesetzt werden. Der Grundsatz der Öffentlichkeit der Wahl steht ja in einem konstruktiven Widerspruch zum geheimen Charakter ihrer Durchführung, ebenfalls ein verfassungsmäßig verbrieftes Grundrecht (z.B. GG §28, 1). Konstruktiv deshalb, weil gleichzeitig die Nachvollziehbarkeit jedes Schrittes des Wahlvorganges für jeden Bürger und die Geheimhaltung der Wahlentscheidung jedes Bürgers gewährleistet sein muss und nur so die Wahlen “demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen und dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet” (so steht es in oben erwähntem Artikel des Grundgesetzes) bleiben können.

Nun mehren sich die Stimmen, dass angeblich lediglich technische Hürden zu meistern seien, damit eines schönen Tages Wahlen auch vermittels Computern durchführbar sein werden. Diesen “Optimismus”, dessen Hauptvertreter bekanntlich unser Innenminister Wolfgang Schäuble ist, kann ich nicht teilen. Jeder, der sich schon einmal näher mit Computern befasst hat, weiß, dass diese Geräte keine herkömmlichen Maschinen sind, deren Arbeitsprozess jederzeit und von jedem von außen einsehbar wären. Vielmehr ist ein Computer eine Black Box, deren Input und Output keineswegs unmittelbar in ursächlichem Zusammenhang stehen. Mit anderen Worten: Computer können nicht nur ein ganz anderes als das beabsichtigte “Ergebnis” produzieren, sondern ein ihnen strukturell immanentes Merkmal ist, dass sie jede Beziehung zwischen Input und Output abschneiden, mehr noch, sie zu einer rein “virtuellen” Beziehung machen. Computer operieren ausschließlich mit internen Zuständen, die dem Betrachter systematisch, also durch das System bedingt, verborgen bleiben. Daran ändert ein “Protokollpapier” überhaupt nichts, weil dessen Erzeugung in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den anderen Prozessen innerhalb der Black Box steht. Um es deutlich zu sagen: Jeder Depp könnte solche Protokollzettel jederzeit nach Belieben fälschen, indem er ein entsprechendes Programm schreibt. Es ist schlicht unmöglich, die Prozesse, die innerhalb eines Computers ablaufen, verfassungsgemäß für jeden Wähler zu jedem Zeitpunkt “transparent” zu machen. Die Computertechnologie sieht eine solche Transparenz aus strukturellen Gründen nicht vor. Insofern ist der Wahlcomputer eine veritable Büchse der Pandora, der Wahlvorgang als virtuelles Ereignis ist keine Wahl: Jeder Wahlvorgang kann so jederzeit, beliebig oft, auf beliebige Weise und völlig unbemerkt vom Wähler manipuliert werden. Soviel zur Öffentlichkeit. Die geheime Wahl ist angesichts der weltweiten Vernetzbarkeit von Computersystemen, Wlan und anderen Übertragungssystemen natürlich ebenfalls eine Farce.

Vielleicht sollte man statt auf den Einsatz solcher Geräte hinzuarbeiten die Wahlen gleich über Payback-Karten organisieren, dann hat man die nötigen Daten für die Wirtschaftsforschung gleich mit erhoben.

Written by jonahgoldt

17. März 2009 um 6:04

Link zu Berlusconi

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ricevuta_di_pagamento_per_liscrizione_del_dott_silvio_berlusconi_alla_loggia_massonica_p2Hier eine ausführliche Darstellung der italienischen Misere im Süddeutsche Zeitung Magazin. Wann darf mann hier eigentlich endlich eine Reaktion der Eu-Partnerstaaten erwarten? Wie lange sind das noch “innere Angelegenheiten” des italienischen Staats? Wann erkennen die Italiener, was mit “ihrer” Gesellschaft los ist?

Written by jonahgoldt

14. Februar 2009 um 8:26

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10 Jahre “Old Nobody”

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"Old Nobody" (c) 1999 Big Cat

Es ist fast nicht zu glauben, dass es schon zehn Jahre her ist, dass ich eines Morgens völlig unvorbereitet ein Musikvideo sah, dessen Bildern ich nicht glauben wollte: Auf der Rückbank eines Taxis saß Jochen Distelmeyer, Sänger der Hamburger Indie-Legende Blumfeld und intonierte den Satz: „In mir – tausend Tränen tief…”. Der Gegenschnitt zeigte einen möglicherweise auf Distelmeyer wartenden Helmut Berger, der sich für das am Ende des Videos stattfindende Treffen fein herausputzt und sich auf eine lange Fahrstuhlfahrt begibt.

Immerhin sechs Jahre wahren zuvor vergangen seit dem Erscheinen des Vorgänger-Albums „L’Ètat et moi”, das eine wahre Blumfeld-Hysterie in der gesamten deutschen Indie-Szene ausgelöst hatte. Blumfeld waren zur Verkörperung nicht so sehr der „Hamburger Schule”, sondern eher einer ganzen Generation von Musikern geworden. Ihr eigentümlicher, damals noch stark von amerikanischem Indie-Rock beeinflusster, psychedelischer Sound begeisterte sogar Kritiker in den USA. Ich war damals eigentlich schon sicher gewesen, dass man nie wieder etwas Relevantes von Blumfeld hören würde. Zwar tourte die Band kontinuierlich, wenn auch mit niedriger Frequenz. Von neuen Songs war jedoch nichts zu hören, schließlich verebbte auch die Tourneeaktivität der Band.

Und dann das: Ein Rhythmuscomputer als Schlagzeug, Streicher mit George-Michael-Arrangements und ein Distelmeyer, der das Ganze mit souliger Stimme auf der Bühne frech zum Playback sang, mit über das rosafarbene Polohemd geworfenem V-Ausschnitt-Pullover!
Viele „L’Ètat”-Fans fielen damals vom „Glauben” ab. Das Pop-Verdikt der „alten” Fans wurde Blumfeld seither nicht mehr los, und offensichtlich wollte Distelmeyer es auch gar nicht mehr loswerden: Später entstandene Lieder wie „Wellen der Liebe”, „Jugend von Heute” oder „Der Apfelmann” zeugen davon.

War „Old Nobody” also ein Verrat an der – von Fans auf der „Old Nobody” – Tour gern auch lautstark eingeforderten – „kritischen” Position des „Germanisten-Rocks” früherer Zeiten? Ich bin nicht der Meinung. Vielmehr waren mir die stilistischen Kontinuitäten zwischen Ich-Maschine, „L’Ètat et Moi” und „Old Nobody” immer augenfälliger erschienen als die Unterschiede. Dass Distelmeyer aber offenbar differenzierter (und nicht „platter”, wie viele behaupteten) als zuvor textete (und auch sang), war nur zu deutlich. Viele Abwehrgefechte gegen die Platte hatten für mich mit einer Empfindlichkeit gegenüber „emotionalen” Inhalten deutschsprachiger Texte zu tun. Das mag einer langen unleidlichen Schnulzengeschichte geschuldet sein, in der sich vornehmlich „Herz” auf „Schmerz” reimte (H.R. Kunze). Die Berührungsängste vieler „Indie”-Konsumenten dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass man die Texte Distelmeyers „verstand”, die von (zum Beispiel) Stephen Malkmus oder J.Mascis aber nicht, bzw. mit einer für die Auffassung essentielle Übersetzungsbarriere aufnahm.

Für mich bleibt „Old Nobody” ein ganz wichtiger Klassiker deutschsprachigen Songwritings. Distelmeyers Umgang mit der Sprache, seine Intonation und seine zunehmende Verfeinerung der Reduktion von Text auf „singbare” Verse, hatte hier ihren frühen Höhepunkt. Dass er sich danach noch weiterentwickelt hätte, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich denke, im Unterschied zu Vielen, dass Blumfeld erst mit dem letzten Album, „Verbotene Früchte”, die Perfektion erreicht hat, die Distelmeyer schon bei „Old Nobody” im Sinn hatte. Sowohl mit ihren Aufnahmen als auch live auf der Bühne waren Blumfeld spätestens seit „Old Nobody”, aber danach um so mehr, zu einer einzigartigen Erscheinung in der Popmusik geworden.

Written by jonahgoldt

13. Februar 2009 um 1:17

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Das Recht im Koma – Beispiel Italien

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Der jüngste Fall einer Komapatientin, die 17 Jahre lang nur dank der „Unterstützung“ durch medizinisch-technisches Gerät „weitergelebt“ hat, hat an keiner mir bekannten Stelle die Frage nach Sinn oder Unsinn solcher Gerätschaften aufgeworfen. Da prinzipiell die Möglichkeit besteht, bei entsprechender Indikation das „Leben“ der Patienten zu verlängern, wird es auch durchgeführt. Für mich steckt hier, und nicht etwa in der moralischen Bewertung der Handlungen der Beteiligten (Gesetzgeber, Mediziner, Verwandte, Patienten und ihre Verfügungen) das Problem: Noch immer haben die Menschen ihre technischen Erfindungen auch gebraucht, wenn sie einmal funktionierten. Das ist keine Frage der Moral, sondern des Prozesses der Entwicklung der technischen Möglichkeiten des Menschen.
Darum versagt auch der moralische Imperativ (etwa der katholischen und evangelischen Kirche) vor diesen Maschinen. Wie kann es eine moralische Rechtfertigung dafür geben, einem Menschen einen Schlauch in den Magen zu legen, der ihn unabhängig von seinem Willen mit Nahrungsmitteln füttert (ein Vorgang, der übrigens im Fall der durch die Bauchdecke eingebrachten Magensonde irreversibel ist)? Haben sich diese „Moralisten“ nicht schon dadurch, dass sie auf der einen Seite auf der Grundlage eines „non toccare“ für den „Schutz“ ungeborenen Lebens aussprechen, auf der anderen Seite jeden noch so gewaltsamen Eingriff in die Integrität menschlicher Körper für gerechtfertigt halten, nur um das ihnen Heiligste, das menschliche Leben zu „schützen“, selbst widersprochen?
Es drängt sich der Verdacht auf, dass der „Konservatismus“, der hinter dieser Haltung steht, und den zahlreiche Kommentatoren hier am Werke sehen, in Wahrheit eine revolutionäre Haltung ist, die sich nahtlos anschließt an die biopolitischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Sie sind eine Fortschreibung der Lebensideologien dieser Zeit, die die Aufgabe von Politik, Recht und Religion nur mehr darin sehen, das Leben selbst, das „nackte Leben“ zu „schützen“, also zu kontrollieren, und zu reglementieren. Was wird das für eine Gesellschaft sein, die Menschen ökonomische, religiöse oder politische Lebensinhalte abspricht und sie auf ihre nackte biologische Existenz reduziert? Vielleicht ist der italienische Staat, dessen Ministerpräsident sich sogar vorstellen konnte, dass diese Komapatientin der Gesellschaft noch Kinder gebiert, aber gleichzeitig den Flüchtlingen auf Lampedusa kein Existenzrecht zubilligen will, schon ein deutliches Richtungssignal.

Written by jonahgoldt

11. Februar 2009 um 10:33

Veröffentlicht in Kulturkritik

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