Dietmar Daths “Maschinenwinter“
Es ist sicher lohnend, soviel will ich ein paar Gedanken zu Dietmar Daths „Maschinenwinter“ vorausschicken, sich mit den Theorien von Karl Marx und Friedrich Engels auseinanderzusetzen. Schließlich ist ihr „Kapital“ noch heute die schlüssigste Darstellung des bourgeoisen Wirtschaftssystems. Die Frage, die sich hierbei stellen müsste, wäre allerdings, ob die ökonomischen Verhältnisse, die im „Kapital“ beschrieben werden, noch unsere sind oder ob eine Identifizierung unseres Kapitalismus mit dem, den Marx und Engels beschreiben, nicht problematisch ist. Vielmehr müsste man zeigen, wo diese Ideen etwas über heutige Verhältnisse noch auszusagen in der Lage sind. Das ist aber in erster Linie eine historische Frage. Dazu an anderer Stelle mehr. Dath jedenfalls stellt sich diese Frage nicht, für ihn ist der heutige globale Finanzkapitalismus eine Erfüllung Marxscher Voraussagen über die Entwicklung der Weltökonomie.
Zunächst einige aus moralischen Gründen gut zu heißende Aspekte des Textes von Dath:
Ich stimme ihm zu, wenn er schreibt, dass das „Wozu“ der Technik über Wohl und Wehe der Menschheit entscheidet. Auch wäre es mir ebenfalls lieber, wenn diejenigen die Technik kontrollieren, deren Ziel das Wohl Aller ist. Das sind allerdings alles Gewissensentscheidungen, die mit einer theoretischen Auseinandersetzung nichts zu tun haben. Im besten Sinne ist Daths Text ein moralisches Plädoyer für einen „humanen“ Sozialismus, besser: für einen „echten“ Kommunismus. Kommunismus meint für ihn eine Gesellschaft, die die gerechte Teilung der Produktionsmittel ebenso realisiert hat wie die radikale Demokratie, also die Beteiligung Aller am Planen der Verwendung der Produktionsmittel. Dabei stellt er sich in die Tradition derer, die hoffen, dass die sozialistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts wahlweise „zu früh“ (Mao, Ho Chi Minh) oder „degeneriert“ (Stalinismus) waren.
Mit dem „Wozu“ der Technik beginnend, müsste gefragt werden, wer über das „Wozu“ der Technik entscheidet. Dath ist tatsächlich der Ansicht, dass Technik ein Produkt wissenschaftlicher Anstrengungen ist, deren Absichten in erster Linie auf eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen und auf Befriedigung möglichst vieler menschlicher Bedürfnisse ziele. Plakativ gesagt meint Dath, dass die Technik nicht genuin „böse“ sei, sondern nur die Menschen, die sie missbräuchlich nutzen. Er geht sogar so weit, die Kernspaltung als eigentlich große Errungenschaft der Menschheit zu feiern, die lediglich durch Misswirtschaft, unmoralische (Hiroshima) und kriminelle Nutzung in Verruf geraten sei.
Dath ignoriert hier gleich zwei Dinge, die aus meiner Sicht wesentlich für die Erkenntnis der Bedeutung der Technik sind. Erstens ist Technik immer Herrschaftstechnik. Sie dient nicht der Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, sondern der Beherrschung von Subjekten. Dass er das nicht anerkennt ist umso erstaunlicher, als er ja ansonsten relativ kenntnisreich Marx und Engels referiert. Die Industrialisierung ist per se imperialistisch. Eine Technisierung Europas ohne die Unterwerfung der Massen (in Europa und in den Kolonien) ist unvorstellbar.
Zweitens: Die Ingenieure, die Dath als Gralshüter des „wertfreien“ Erfindergeistes preist, sind immer schon Vollstrecker derjenigen Interessen gewesen, die ihre Arbeit finanzieren. Bei allen Erfindungen der Moderne ging es zuerst um die Akkumulation von Macht, dann von Kapital als Mittel zur Macht, und wenn dann noch so etwas wie eine Verbesserung der Lebensumstände der Beherrschten heraussprang – um so besser (Opium)! Der Ingenieur ist nicht der Sachwalter der Vernunft, die er den Apparaten mit wissenschaftlichen Methoden einhaucht, sondern er ist der Vollstrecker der Machtinteressen, die Produktionszusammenhänge erzeugen, lenken und beherrschen.
Der Clou bei Dath (auch das ist aber nicht neu, auch schon Negri und Harth haben das so gesehen) ist die Vorstellung, dass erst heute, angesichts der real gewordenen „Entfesselung“ des globalen Kapitalismus der Punkt erreicht sei, an dem die Abschaffung des Kapitalismus durch den Sozialismus möglich geworden ist. Dabei unterstellt er den Beteiligten am globalen Kapitalismus erstens, dass sie allein an der Vermehrung von Profit interessiert seien. Dies ist aus meiner Perspektive nicht der Fall. Es geht viel mehr um Herrschaft, die unter anderem über die Akkumulation von Kapital sichergestellt wird. Das globale Finanzsystem ist eine gigantische Apparatur zur Konzentration von Herrschaft, nämlich bei denen, die über die Mittel verfügen, die ganze Welt zu vernichten (physisch oder monetär, das spielt keine Rolle). Wer wie Dath nicht sieht, dass das Kapital lediglich Mittel zum Zweck ist, nämlich Herrschaftstechnik, hat kein kritisches Instrumentarium, um zu zeigen, worum es bei der Beherrschung der Menschen wirklich geht. Oder: er verschleiert es bewusst, weil seine Gesellschaftstheorie auf ein ähnliches Herrschaftsmodell hinausläuft wie es das ist, was er eigentlich kritisieren will:
Entlarvend ist hier vor allem Daths „Anthropologie“, die sich in dem einfachen Satz erschöpft, dass der Mensch das einzige lebendige Wesen sei, das mehr Materie erzeugen kann, als es selbst zur Erhaltung seines Lebens erzeugen kann. Dieser Materialismus ist zunächst auf Daths Hoffnung zurückzuführen, dass eine „gerecht“ organisierte Produktionskette schon genügend Produkte erzeugen kann, um alle zufrieden zu stellen. Er verfolgt außerdem eine biologistische Anthropologie, die von der Annahme ausgeht, dass der Mensch sich über seine materiellen Lebensäußerungen definiert. Darüber hinaus widerspricht er dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, nach dem die Summe aller Einzelenergien nicht größer sein kann als die gesamte zur Verfügung stehende Energie. (Das Leben ist, kurz gesagt, der Entropie verfallen, es ist eine Anomalie, ein Unruhezustand, der nach Beruhigung strebt). Mit der Behauptung, dass die Vergrößerung der „Mehrwerte“ auch positiv genutzt werden könnte, nämlich zur Ernährung aller, zur Befriedigung der Interessen aller Gruppen der Weltgesellschaft usw., schreckt Dath indirekt auch nicht davor zurück, als Beispiel die Millionen Toten des Stalinismus zu nennen, die ihm, so könnte man böswillig unterstellen, als „Opfer“ für das Wohl der Allgemeinheit des Sowjetsystems gelten. Als seien diese Toten nicht ebenso wie die Millionen Opfer des Nazismus Ergebnis einer Politik der Entropie, des sukzessiven, konsequenten und technischen „Verbrauchs“ von Menschenmaterial zur Erhaltung eines durch und durch „künstlichen“ Herrschaftssystems. Der Opfermythos des Stalinismus (und der Antisemitismus des Nationalsozialismus) diente zu nichts anderem als zur Installation einer unbegründeten (und auch antikapitalistischen), totalen Herrschaft.
Mit seinem irr(ig)en Unternehmen, dem Sozialismus etwas Humanes abgewinnen zu wollen, vergibt Dath die Chance, heutigen politischen Entwicklungen auf den Grund zu gehen. Es ist erstaunlich, dass bei seiner Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse nur der Kapitalismus als Gegner beschworen wird, nicht aber der Totalitarismus (dessen Effekt der heutige Kapitalismus ist, nicht dessen Urheber). Dann hätte Dath ja auch zugeben müssen, dass der Lenin-Trotzkische Prozess der „permanenten Revolution“ (den er ausdrücklich begrüßt und gegen die Anfeindungen aus dem poststrukturalistischen Lager verteidigt) dem totalitären Ausnahmezustand verdächtig ähnlich sieht. Er hätte auch zugeben müssen, dass den mörderischen Systemen des Nationalsozialismus und des Stalinismus das Geld und die Produktionsmittel herzlich wurscht waren, solange sie ihnen zu Diensten waren. Beispielsweise hat Himmler persönliche Bereicherung und Profitgier stets unbarmherzig verfolgt und seine SS folgendermaßen gelobt: „Dies (die Massenexekutionen hinter der Ostfront und die Massenvernichtung der Juden in Osteuropa) durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ (Posener Rede vom 4. Oktober 1943) Er hätte außerdem zugeben müssen, dass seine biologistische Ideologie des Mehrwerts geradewegs auf eine Gesellschaft zusteuert, in welcher der Mehrwert alles und das Leben des Einzelnen nichts ist.
Hoffnung auf das Gute im Menschen scheint Dath zu treiben, aber diese Naivität gepaart mit dem ahistorischen Irrglauben, die Marxsche Vision einer Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus würde sich erfüllen, sobald der Kapitalismus nur elaboriert genug ist, scheint mir fast schon gefährlich zu sein.